hier möchte ich sein

Aus der Ferne ist das Brummen eines Motors zu hören. Über der Landebahn, mitten im Wald, wird eine Staubwolke durch den Wind aufgewirbelt. Wie ein Teppich erhebt sich der Staub in die Höhe und versperrt dem Piloten der kleinen einmotorigen Maschine de Sicht auf die Piste. Es gelingt ihm dennoch mit geschickten Manövern und seiner Erfahrung das Flugzeug sicher zu landen. Die Maschine rollt aus und bleibt mitten auf dem Platz stehen.
Am Ende der Rollbahn ist eine mit Wellblech verkleidete Hütte zu sehen, die aussieht, wie eine zerfallenen Tankstelle. Sie dient wohl bei Regen als Unterstellmöglichkeit für die Passagiere, aber wann gibt es in dieser Einöde schon einmal einen Fluggast. Hinter dem Haus kommt ein Jeep hervor, der auf die Maschine zufährt. Beim Flugzeug öffnet sich die Tür und eine Leiter klappt herunter. Eine Frau betritt die erste Stufe und geht langsam die kleine Treppe hinunter. Sie trägt ein schwarzes Kleid mit einem weiten Ausschnitt, hochhackige Schuhe mit einem dünnen Absatz, eher etwas für einen Ball, statt für diese Wildnis. Auch ihr Aussehen ist so anders als das der Frauen hier.
Sie hat lange blonde Haare, die ihr weit über die Schulter reichen, gepflegte Hände und Fingernägel, die nach Maniküre aussehen, ein wunderschönes, gepflegtes Gesicht, mit tiefblauen Augen. Als sie den ersten Fuß in den losen Sand setzt, versinkt ihr Schuh und sie stolpert über ihre eigenen Füße. Zum gleichen Zeitpunkt ist der Jeep bereits an der Treppe des Flugzeuges angekommen. Er hat ein durchgeschwitztes Turnhemd an und trägt eine schon stark verblichene Jeanshose. Sein Gesicht ziert ein etwas ungepflegter Dreitagebart. Er sieht die Frau stolpern, springt aus seinem Fahrzeug heraus und kann sie gerade noch rechtzeitig auffangen, bevor sie das Gleichgewicht verliert und auf den Boden fällt.
„Das gehört hier zum Service“, sagt er mit einem Lächeln.
Sie sieht in sein Gesicht: Seine dunklen Augen leuchten sie an. Trotz seiner schmutzigen Kleidung und seines ungepflegten Bartes, ist er ein attraktiver, gut gebauter Mann. Einer von der Sorte Mann, die einer Frau gefährlich werden kann. „Sie sollten sich dringend anderes Schuhwerk und auch andere Kleidung besorgen, wenn sie hier länger bleiben wollen. Ich bin Ihnen bei der Suche nach der passenden Bekleidung gern behilflich.“ Mit diesen Worten setzt er sie behutsam auf dem Beifahrersitz des Jeeps ab. Nachdem er den verlorenen Schuh geholt hat, fährt er mit der Frau los. „Wo kann ich Sie denn absetzen“, fragt er während der Fahrt. „Ich weis es noch nicht, ich habe noch kein Hotel.“ „Ein Hotel, hier bei uns, das wäre ja ganz neu, daß es hier ein Hotel gibt. Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Sie kommen mit zu mir. Ich habe ein großes, altes Haus mit vielen Zimmern. Da findet sich auch ein passendes für Sie. Was halten Sie von meinem Vorschlag?“ Sie zögert eine Moment, mit einem wildfremden Mann einfach so in sein Haus mitfahren, das wird sicherlich Komplikationen geben. Auf der anderen Seite ist er mir ja recht sympathisch, warum sollte ich es nicht wenigstens versuchen. Wenn es nicht geht, kann ich mir immer noch eine andere Unterkunft suchen. Als sie vor dem Haus stehen, stellt sie fest, daß er nicht übertrieben hat. Es ist ein großes, altes Farmerhaus, zwei Stockwerke mit vielen Fenstern. Beim Hineingehen ist sie erstaunt über die hohen Räume und die Ordnung die in ihnen herrscht. Das hätte sie einem offensichtlich alleinstehenden Mann nicht zugetraut. „Ich bin zwar kein guter Koch, möchte Sie aber dennoch herzlich zum Abendessen einladen, vorausgesetzt Sie mögen ein saftiges Steak.“ Einer solchen Einladung kann sie nicht widerstehen und nimmt mit einem Lächeln dankend an. „Geben sie mir bitte Ihre Tasche und folgen Sie mir, ich zeige Ihnen jetzt Ihr Zimmer.“ Er geht eine langgezogene Wendeltreppe herauf, an deren Ende ein großer Flur ist. „Ihr Zimmer ist gleich hier, auf der linken Seite. Sie haben eine wunderschöne Aussicht direkt auf die Ranch. Von hier aus können Sie jeden Tag die Pferde beobachten, wenn sie von den Stallungen kommen.
Seien Sie bitte pünktlich um acht Uhr zum Essen unten.“ Mit diesen Worten verläßt er das Zimmer. Die alte Standuhr im Wohnzimmer schlägt acht Mal, pünktlich kommt sie die Treppe herunter. Ihr Anblick verschlägt ihm fast die Sprache. In einem langen schwarzen Kleid, das nur von zwei schmale Trägern gehalten wird und dessen Rücken bis zur Hüfte frei ist, geht sie vorsichtig, einen Fuß vor den anderen setzend, Stufe für Stufe die lange Treppe hinunter. Er steht wie angewurzelt da und schaut jedem ihrer Schritte zu. Wann hatte er zum letzten Mal eine so schöne Frau, in einem solchen Aufzug gesehen? Er konnte sich nicht mehr erinnern. Er ging ihr zur Treppe entgegen, streckte seinen Arm aus und fragte sie höflich, „darf ich es wagen, Arm und Geleit Ihnen anzutragen?“ Dabei blickte er ihr tief in die Augen. „Das Sie Goethe kennen hätte ich nicht vermutet.“ Es war bereits alles fertig gedeckt. Auf dem Eichentisch stehen Kerzen. Ihr schwacher Schein läßt den Raum in einem romantischen Licht erscheinen. Im Kamin loderte ein wärmendes Feuer. Nach etwa zwei Stunden standen beide auf. Es war ein ausgiebiges Mahl. Er wollte sich gerade mit ihr an den Tisch neben dem Kamin setzen, als sie mit dem Geschirr abräumen beginnt. „Lassen Sie das bitte stehen, ich räume später ab. Sie sind mein Gast und brauchen hier nicht zu helfen.“ Er nahm ihr den Teller aus der Hand und stellte ihn wieder zurück auf den Tisch. Mit einer Geste der Hand forderte er sie auf, sich neben ihn, auf einen alten hohen Sessel zu setzen und sagte zu ihr, „dies ist Ihr Platz für den heutigen Abend und wenn Sie möchten auch für den Rest Ihres Aufenthaltes.“ Sie bedankte sich höflich und setzte sich. Im Verlauf des Abends unterhielten sie sich darüber, was sie eigentlich in dieser verlassenen Gegend wollte. Erst weit nach Mitternacht gingen beide schlafen. Er war sehr angetan von dieser Frau, ihrer Art sich zu unterhalten, sich zu bewegen, ihrer ganzen Erscheinung. Hatte er sich etwa in sie verliebt? In der folgenden Woche hatten sie nur wenig Zeit füreinander. Sie mußte sich um ihre Arbeit kümmern, wegen der sie ihr Büro geschickt hatte und er hatte viel Arbeit auf seiner Farm. Am Samstagmorgen, die Sonne stand schon hoch am Himmel, trafen sich beide an der Pferdekoppel. Sie wurde bereits erwartet. Ihr Gastgeber hatte einen Schimmel und einen Rappen gesattelt.
„Ich dachte mir, an einem so schönen Tag reiten wir heute aus. Ich habe für Sie den Schimmel gesattelt. Es ist ein lammfrommes Tier und läßt sich durch nichts aus der Ruhe bringen, es sei denn Sie beißen ihn.“ Er lacht, dann fragt er sie, „haben Sie eigentlich schon einmal auf einem Pferd gesessen?“ „ Ja, aber das ist schon ziemlich lange her, ich weis gar nicht, ob ich das Reiten nicht schon wieder verlernt habe. Hoffentlich wirft es mich nicht ab.“ Soetwas verlernt man nicht,“ antwortet er ihr und schmunzelt dabei. „Ich kenne eine Strecke, die sich ganz einfach reiten läßt und für Sie genau das Richtige ist. Wir versuchen es einfach einmal und werden ja sehen, ob Sie es noch können.“ Es geht an seiner Farm vorbei, in einen Wald hinein. Mitten im Wald ist ein wunderschöner, blauer See, an dem sie Rast machen. Sie lassen die Pferde frei laufen und setzen sich an das Ufer. Die Sonne meint es an diesem Tag besonders gut und beide sind schon ziemlich durchgeschwitzt. „Was halten Sie von einem erfrischenden Bad?“ „Aber ich habe kein Badezeug mitgenommen. Sie hätten mir vorher sagen müssen, daß wir die Gelegenheit zum baden haben.“ „Das macht nichts, ich habe auch nichts mit, dann gehen wir ohne Sachen ins Wasser.“ Sagt es und beginnt sich auszuziehen. Sie schaut ihm verlegen zu und wartet ab. „Wollen Sie nicht,“ fragt er, nachdem er nurnoch seine Unterhose an hat. „Ich möchte schon, aber ich geniere mich ein wenig. Würden Sie sich bitte umdrehen, während ich mich ausziehe und warten, bis ich im Wasser bin.“ Schmunzelnd befolgte er ihre Bitte. Als er hörte, daß sie im Wasser ist, zieht er sein letztes Kleidungsstück aus und kommt hinterher. Die Oberfläche des Sees war spiegelglatt, nur das Geplansche der beiden, unterbricht die Fläche.
Schweigend schwimmen sie nebeneinander her, ständig Blicke miteinander tauschend. Plötzlich wird es über ihnen dunkel und aus der Ferne ist das Grollen des Donners zu hören. Ein Gewitter zieht auf. „Wir sollten so schnell wie möglich das Wasser verlassen,“ sagte er zu ihr, „hier sind die Unwetter oft sehr heftig und es ist besser nicht mehr im See zu sein, wenn das Gewitter in der Nähe ist.“ Schnell schwimmen sie ans Ufer, ziehen ihre Sachen an und reiten mit den Pferden davon. Die ersten Regentropfen sind zu spüren. „Ich kenne eine verlassenen Hütte, nicht sehr weit entfernt von hier, da finden wir Unterschlupf, bis das Unwetter vorüber ist.“ Sie reitet ihm hinterher und nach zirka 5 Minuten sind sie bei der Hütte. Sie sieht nicht nur verlassen aus, sondern macht auch einen nicht gerade vertrauenserweckenden Eindruck. Er muß wohl ihre Gedanken erahnt haben und sagt zu ihr, „keine Angst, in dieser Hütte habe ich schon so manches Gewitter überstanden.“ Seine Worte räumten zwar ihre Zweifel nicht völlig aus, beruhigten sie aber fürs Erste. In der Hütte gab es kein Licht, nur ein paar alte Kerzenständer und einen schon sehr maroden Kamin. „Ich werde uns zuerst Licht machen, damit wir überhaupt etwas sehen können, danach heize ich den Kamin an. In meiner Ledertasche habe ich für alle Fälle eine dicke Decke mit, die wird zum Wärmen reichen, bis die Kleidung am Kamin trocken ist.“ „Glaubt er denn, ich ziehe mich jetzt vor ihm so einfach aus und wir gehen zusammen unter eine Decke?“ Diese Gedanken hatte sie bei seinen Worten. Auf der einen Seite wollte sie den Anstand waren, auf der anderen gefiel ihr der junge Mann aber so sehr, daß sie nichts gegen ein Abenteuer mit ihm hatte, schon gar nicht, nachdem sie seinen vollendeten Körper gesehen hatte, als er aus dem Wasser kam. Also willigte sie auf seinen Vorschlag nach längerem Zögern ein.
Sie zogen beide ihre nassen Sachen aus und legten sie über ein, vor dem Kamin, gespanntes Seil zum Trocknen. Danach setzten sie sich zusammen vor das Feuer und legten sich die Decke um. „Ist ihnen kalt, sie zittern ja?“ „Ja, mich fröstelt ein wenig, das Wasser im See war doch recht kühl.“ Er legte seinen Arm um ihre Schulter und zog sie langsam zu sich heran. Sie ließ es ohne jeden Kommentar geschehen und nach einer Weile legte sie ihren Kopf auf seinen Schulter, rückte noch etwas dichter an ihn heran. Seine Wärme, die Geborgenheit in seiner Nähe mochten wohl der Grund gewesen sein, sie schlief neben ihm ein. Als sie erwacht, war das Unwetter schon lange vorüber. Die Sonne schickte ihre wärmenden Strahlen durch die Ritzen der Bretterwand. Sie langen noch immer zusammen, allerdings hatte sie ihren rechten Arm um seinen Hals gelegt, ihren Kopf auf seiner Brust. Einen Moment erschrak sie bei dieser Geste, hob ihren Kopf und wollte gerade ihren Arm zurückziehen, überlegte es sich dann aber doch und lehnte sich wieder an seinen warmen Körper. Ganz vorsichtig begann sie mit ihren Fingerspitzen in seinen Haaren zu spielen, streichelte seine Ohrläppchen, berührte seinen Hals und begann mit ihren Lippen an seiner Brust zu knabbern. Wann hatte sie das letzte Mal mit einem Mann in solch einer Umgebung zusammen gelegen? Hatte sie überhaupt schon einmal solch eine Situation in ihrem Leben gehabt? Soviel sieh auch nachdachte, dies war wohl das erste Mal. Er blieb regungslos liegen, konnte er etwa bei diesem Spiel schlafen oder empfand er nichts bei ihren Zärtlichkeiten?
Sie ließ sich nicht davon abhalten, seinen Körper weiterhin mit ihren Lippen zu liebkosen. Behutsam begann er mit seinen Fingern ihren Rücken zu streicheln, langsam von oben nach unten. Sie bekam eine Gänsehaut bei diesem Gefühl, das ihren ganzen Körper durchzog. Als sich ihre Lippen endlich zum Kuß trafen, war es mit der Zurückhaltung vorbei. Sie umschlingen sich mit ihren Händen und Füßen, drehen sich auf dem Boden hin und her. Die Kerzen sind bereits abgebrannt, nur die Glut im Kamin erwärmt jetzt noch den Raum. Aber Wärme von Außen brauchen sie beide längst nicht mehr. Ihre Körper sind von dem gemeinsamen Spiel so aufgeheizt, daß man gegen das Licht, das durch die Ritzen der Wände eindringt, die Hitze der Haut wie kleine Wölkchen aufsteigen sehen konnte. Zwei Stunden später liegen ihre Körper wieder nebeneinander, ineinander verschlungen, erschöpft. „Wir sollten diese Art von Ausritt unbedingt wiederholen,“ sagt sie zu ihm, zufrieden und rundherum glücklich. Fast jede freie Minute nutzten sie beide für dies Art von „Freizeitbeschäftigung“, an verschiedenen Orten und er kannte sehr viele.
Die zwei Wochen ihres Aufenthaltes vergingen wie im Fluge. Der Tag der Abreise war gekommen. „Ich hasse Abschiede, laß uns hier „Auf Wiedersehen“ sagen. Du kannst Dir den Jeep nehmen, ich hole ihn mir vom Rollfeld ab. Hier ist noch nie etwas weggekommen, du brauchst Dir also keine Gedanken machen. Ich weis, wir werden uns nicht mehr wiedersehen, dazu sind unsere Welten zu weit voneinander entfernt, aber Du sollst wissen, daß ich Dich aufrichtig liebe und dieses Gefühl in meinem Herzen bewahren werde, solange ich lebe.“
Sie geben sich einen langen Abschiedskuß, dann steigt sie in den Wagen und fährt los. Als sie schon eine Weile fort ist, kommen ihm Zweifel, ob es richtig war, sie einfach gehen zu lassen. Er nimmt sich ein Pferd und reitet ihr nach. Als er am Rollfeld ankommt, sieht er nurnoch die Staubwolke der Maschine. Der Jeep ist am Ende der Piste abgestellt. Mit gesengten Kopf, traurig und niedergeschlagen reitet er zurück.
Der Staub ist verflogen und wie von Geisterhand ist da die Silhouette eines Menschen zu erkennen. Immer schärfer werden die Konturen, ist sie es oder spielt ihm seine Phantasie einen Streich? Tatsächlich, sie ist es wirklich, sie sitzt nicht in der Maschine, sie ist hier geblieben.
Er reitet wie der Teufel zu ihr hin, springt vom Pferd, fällt ihr um den Hals, drückt und küßt sie. „Ich glaube, ich werde es eine Zeit hier versuchen. An den Gedanken morgens neben Dir aufzuwachen könnte ich mich gewöhnen.“

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